Nachts in Deutschland

Soll ich Ihnen mal was sagen? Der Notdienst geht mir auf´s Gemüt. Ich fürchte, es ist eine Frage des Alters. Früher war er lästig, sicher. Aber dann brachte mein lieber Gatte mir zwischendurch eine Pizza, einen Döner, ein leckeres Stück Kuchen, ein Eis oder was der schnuckeligen Sächelchen mehr sind, mit denen man sich schön die Zeit vertreiben kann, wenn gerade keiner klingelt. Ein spannendes Buch dazu – perfekt. Die eine oder andere partytaugliche Geschichte fiel auch schon mal ab, die gesammelten Vorkommnisse aus vielen Jahren Notdienst füllten eine Büttenrede…alles also halb so wild. Und heute? Schon die drohende Kasernierung über viele Stunden regt mich auf! Und wenn es dann losgeht mit den 12,19,24 oder gar 32 Stunden, dann fühle ich mich wie der ärmste Tropf unter der Sonne.  Nun ist mein lieber Gatte noch immer mein lieber Gatte und wäre auch heute noch bereit, für mich Süßes und Deftiges nach Wahl herbei zu schleppen. Aber ernsthaft: Mit über fünfzig ! Das bekomme ich ja bis zum nächsten Notdienst auf keinen Fall wieder heruntergehungert! Vor kurzem hat es mich dann doch hingerissen und ich habe nach langem – auf die guten alten dünnen Zeiten – einen Döner gegessen. Baahhh! Den hatte ich viel besser in Erinnerung. Jetzt erschien er mir eigentlich zum menschlichen Verzehr gar nicht mehr geeignet. Schlecht war mir danach auch. Also throne ich vor einer Schüssel Obst, schäle eine Möhre, mümmele ein Käsebrot und tue mir von Herzen leid. Es ist aber auch noch so, dass mich ja nach dreißig Jahren Notdienst quasi nichts mehr überrascht! Da stehen die armen Männer, von ihren bescheuerten Frauen mit noch bescheuerteren, unpräzise formulierten Wünschen geschickt und trauen sich mit ihren Einkäufen kaum heim, aus Angst, das Falsche erstanden zu haben. Heutzutage wird dann natürlich erstmal telefoniert! Damit Thusnelda sich äußern kann. Und ich möchte am liebsten das Kläppchen zuschmettern, nicht ohne zu giften: „Kommen Sie wieder, wenn Sie wissen, was Sie wollen!“. Oder die Pille danach! Ich könnte, gäbe es die Sendung noch, mit meiner Fähigkeit, Pille-Danach-Käuferinnen aus zwanzig Meter Entfernung zu erkennen, bei „Wetten-das“ auftreten! Oder die, die einen immer wieder losschicken: Und noch ein Nasenspray. Und noch Paracetamol. Und noch weiß der Teufel was. Alles einzeln. Und dann zahlen sie mit „Kaaate“. Damit man nochmal loslatschen kann. Das Wechselgeld habe ich nämlich in der Regel schon in der Hand, so schlau bin ich inzwischen. Alles so nervtötend.  Noch nicht mal schön trinken kann man sich die Sache. Bleibt also nur : Augen zu und durch! Oder vielleicht ein gepflegter Ausraster unter Zerlegung des Mobiliars. Aber das ist auch keine Lösung.