Zumutungen

Die Apothekentür darf nicht offen stehen – warum, ist mir entfallen. Die Eichung der Waagen muss mit einem riesigen Zeitvorlauf angemeldet werden – geht aber online, was super ist, denn online funktioniert ja immer alles und ist auch ganz einfach. Teemischungen kann man nicht mehr anfertigen – es sei denn, man habe auch sonst die Neigung, hinaus auf die Straße zu gehen und Geld zu verteilen. Für die Herstellung von Salicylvaseline soll ich auf meine Approbierte warten, damit sie mir beim Wiegen zuschaut – gut, ich fertige seit 25 Jahren Rezepturen an und habe Pharmazie studiert, aber besser isses bestimmt! Im Internet tauchen, was für eine Überraschung! Wer hätte damit rechnen können!, Arzneimittelfälschungen auf, also kaufe ich für tausend Euro neue Scanner und neue Software – und banne damit Gefahren, die man mittels der Einführung des Versandhandels erst möglich gemacht. Auf der Internetseite  muss der Hinweis auf die Teilnahme oder Nichtteilnahme am Schlichtungsverfahren stehen – Abmahnanwälte freuen sich auf ganz neue Möglichkeiten der Abzocke. Und der Datenschutz erst! Herrlich – der Apotheker häuft stapelweise Papier an, aber auf der Kundeneinwilligungserklärung ist irgendeine Formulierung nicht so ganz…..schon rollt der Rubel!  Schilddrüsenhormone dürfen nicht ausgetauscht werden – im Notdienst erklärt man dem Patienten, dass er nun eben ohne auskommen muss. Aparterweise sollte sie bei Einführung der Rabattverträge ohne Rücksicht auf Verluste zwangsweise ausgetauscht werden. Macht ja nichts! Die Pandemievorräte für die nicht eingetroffene weltweite Grippewelle stehen nicht als im Weg herum – aber ganz sicher schlägt da noch die Stunde des Einsatzes! Alle elektrischen Geräte müssen überprüft sein, aber das kann unser Feld-Wald-Wiesenelektriker nicht – ein Spezialist muss her, wahrscheinlich mit irgendeinem Zertifikat. Der Betriebsarzt moniert unsere Handtücher in der Toilette – da muss, ganz und gar nachhaltig, Papier her, damit sich nicht die Pest ausbreitet. Versehentlich trank ich aus der benutzten  Kaffeetasse meiner PKA, von daher ist diesbezüglich sowieso schon alles zu spät. Vorschriften, Vorschriften, Vorschriften……

Datenschutz

Ich kann Sie beruhigen: Ihre Daten sind ab sofort sicher! Denn jetzt hat sich die bundesdeutsche Apothekerschaft mit gewohnter Gründlichkeit – oder vielleicht besser: mit gewohntem überbordendem Bürokratiefanatismus – der Sache angenommen. War nicht schon in der untergegangenen DDR die Übererfüllung des Solls das Maß aller Dinge? Wohin das führte, wissen wir. Zunächst habe ich jedenfalls auf Geheiß meines Steuerberaters meinen Mitarbeiterinnen mitgeteilt, dass ich ihre Kontodaten habe. Da war was los! Überraschung bis blankes Entsetzen! Aber alles war dann auch gleich wieder gut, weil ich schriftlich niedergelegt habe, dass ich diese Daten nicht missbrauchen werde. War meine seit zwanzig Jahren für mich arbeitende Chefhelferin erleichtert! Unter Tränen gestand sie, dass sie so eine merkwürdige Abbuchung auf ihrem Konto hatte und ihr doch der Gedanke kam, ich habe vielleicht….aber nein: Es war dann doch eine Abbuchung des vertrauenswürdigen Onlineshops „Ich-weiss-alles-über-dich.de“, bei dem sie ein entzückendes geblümtes Sommerkleid erstanden hatte. Alles gut!

Schikane

Was so ein Apotheker den ganzen Tag macht? Medikamente abgeben sollte man meinen…aber das ist nur die halbe Wahrheit. Im Moment jedenfalls verbringe ich meine knappe Zeit damit, meine Präqualifizierungsgenehmigung zu verlängern, damit ich auch in Zukunft beispielsweise Kompressionsstrümpfe anmessen darf. Dazu fotografiere ich ein Waschbecken. Und einen Spiegel. Und eine Liege. Um diese Fotos dann nebst allen möglichen Formularen, Nachweisen und Bescheinigungen einer Präqualifizierungsstelle vorzulegen, die dann entscheidet, ob ich nach dreißig Jahren erfolgreichen Anmessens von Strümpfen dies auch weiterhin zu Lasten der Krankenkassen tun darf. Was das soll? Fragen Sie Ihren Krankenkassenfunktionär oder einen Vertreter unseres Berufsverbandes.

Die Nase läuft!

Schon geht´s wieder los! Husten, Schnupfen, Heiserkeit aller Orten. Frustrierte Mütter und Väter stellen fest, dass ihr Sprössling  zwar einen Kindergartenplatz hat, aber ihn die Hälfte der Zeit wegen einer ausgeprägten Rotznase nicht nutzen kann. In öffentlichen Verkehrsmittel stehen Viren und Bakterien in Hab Acht Stellung und bereit zur Attacke auf frierende Reisende. Die erste Erkältungswelle rafft zeitweise  halbe Schulklassen dahin und die ebenfalls vor sich hin schniefenden Lehrer fragen sich, wie sie bis Weihnachten den geplanten Stoff schaffen sollen. Aber das ist alles nicht das Schlimmste! Viel schlimmer ist, dass ich selbst, seit gefühlten zwanzig Jahren erkältungsfrei, huste und schnupfe. So ein Mist, ich dachte, ich sei resistent. Einmal zuviel mit meinem vorzüglichen Immunsystem angegeben…

Home again

Jetzt gibt es wieder Urlaubsgeschichten zu hören! Wer an welchen spektakulären Zielen seine Ferien verbracht hat, wer quasi postwendend unter zu Hilfenahme irgendwie gefärbter Engel wegen Krankheit gleich wieder retour reisen musste und wer es einfach nur irgendwo so richtig schön hatte. Auch von verhinderten Urlaubern ist die Rede, die erst gar nicht losfahren konnten, die einen berufsbedingt, die anderen, weil der hoffnungsvolle Sprössling auf dem Kinderspielplatz die Rutsche nicht hinunter rutschen, sondern surfen wollte und dabei schmerzhaften Schiffbruch erlitt. Komplizierte An- und Abreisepläne der  einzelnen Familienmitglieder galt es zu sortieren und welchen organisatorischen Aufwand es kostete, eine zwanzigköpfige Verwandschaft mit schulpflichtigen Kindern aus verschiedenen Bundesländern zum Zwecke eines runden Geburtstags eine Woche lang an der Ostsee in einem geeigneten Ferienhaus zu versammeln, das mag sich jeder selbst ausmalen…..Ich fahre nächste Woche und mache bis dahin um Rutschen vorsichtshalber einen Bogen!

Sommerferien

Endlich Ferien! Auch wenn man keine schulpflichtigen Kinder hat, merkt man das: Die Kunden kommen später, haben eine Schar gelangweilter oder total überdrehter Kinder im Schlepptau, morgens braucht man mit dem Auto nur halb so lange zur Arbeit. im Supermarkt ist es in der Mittagszeit ganz und gar leer, weil keine obercoolen Oberstufenschüler sich irgendeinen Snack kaufen und am Mittwochnachmittag kommt kein Mensch. Eine Praxis nach der anderen macht Ferien und wir schlagen uns mit tablettenlosen Stammkunden herum, die ratlos vor verschlossener Tür standen. Jetzt ist Zeit für alles, was man im restlichen Jahr nicht schafft! Aber ehrlich – bei dreißig Grad und wenn alle anderen faulenzen? Dann holen wir uns doch lieber ein Eis und machen klitzekleine Ferien in der Apotheke.

Bekleidungsfragen

Der Fortschritt macht nun einmal nicht halt – auch nicht vor Apotheken. Und so sieht man auch in der Gewandung des Apothekers den Zeitenwandel. Ehemals gab es nicht nur ausschließlich den gestärkten weißen Kittel mit gefälligem Stehkrägelchen, nein, es war auch klar, dass derselbe stets bis obenhin geschlossen zu tragen war. Erste Risse in die propere Fassade kamen, als die  flotten jungen Apotheker mit wehendem offenen Kittel durch die Offizin zu sausen begannen. Dann war der Niedergang der stehkragenbewehrten Uniform nicht mehr aufzuhalten und heute, da schlägt man sich neben den elementaren Fragen der Winterbevorratung und der Gestaltung der Sichtwahl auch noch damit herum, was man anzieht im Dienst: Alle das gleiche? Jeder was er will? Weiße Hosen? Farbige Polos? Oder T-Shirts? Und welche Farbe? Fragen über Fragen, und „Probleme“, die früher kein Mensch hatte. Wer es wissen will: Wir wechselten von weißen Hosen mit blauen Oberteilen jetzt zu grasgrünen Shirts, alle gleich, wegen der Corporate Identity. Sehr schick.

Arme Menschen

Klar, es gibt Schlimmeres als Heuschnupfen! Und doch tun sie mir furchtbar leid, diese armen Leute, die von den ersten schönen warmen Tagen des Jahres so rein gar nichts haben, sondern sich mit tränenden Augen nach drinnen verkriechen müssen, wenn sie nicht sogar nach Atem ringen. Das Erwachen der Natur, die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut, die Düfte in der lauen Luft – all das können sie nicht genießen, sondern müssen sich eher fürchten. Da ist es doch wirklich ein Glück, dass es die moderne Pharmazie gibt. Also: Rein mit Tabletten, Augentropfen oder Nasenspray und raus an die frische Luft. Und im nächsten Winter wird desensibilisiert, damit das Elend ein Ende hat!

Wenn Doc Morris lacht

Neulich hatte ich da wieder so ein Rezept, das hätte der Kunde mal zu Doc Morris schicken sollen. Da wäre der Doc höchstpersönlich aus seinem Büro gekommen, hätte sich schlapp gelacht und verkündet: „Das schicken wir mal schön wieder zurück!“ . 120 Metoprololkapseln mit 0,5 Milligramm Wirkstoff für ein  am Herzen operiertes Baby. Da lassen sie nämlich alle die Finger von, der Doc, die Europaapoteek und wie sie alle heißen. Wo es nämlich an pharmazeutische Arbeit geht und nicht ans Päckchen packen, wo Verantwortung für ein klitzekleines Leben zu tragen ist, wo man dazu bei der ganzen Unternehmung noch draufzahlt, weil sie nicht kostendeckend ist – ja, da halten sie sich gerne heraus, die Herrschaften an der Rabattfront! Da kann dann die Apotheke vor Ort wieder einspringen, genau wie in der Nacht oder am Wochenende. Das das alles aber nur bei einer gesunden Mischkalkulation funktionieren kann, das übersehen die Sparfüchse gerne mal. Hoffentlich denken sie daran, wenn sie in einigen Jahren  in der Nacht dreißig oder mehr Kilometer durch die Gegend gondeln müssen, um eine Notapotheke aufsuchen zu können. Dann wird das Gejammer nämlich groß sein….

Notfälle

Jetzt mache ich schon seit dreißig Jahren Nachtdienste und kann den pensionierten Apotheker, der gelegentlich bei mir aushilft, nur zu gut verstehen, wenn er sagt: „Alles, aber keinen Nachtdienst!“. So richtig lustig ist es nämlich nicht, wenn nachts um zwanzig nach zwei das Telefon klingelt und eine junge Frau fragt, wie lange wir denn offen hätten. Offen??? Nachts um zwei???  Was für eine Knalltüte. Ich habe natürlich überhaupt nicht offen, bin aber bereit, mich in einem Notfall aus dem Bett klingeln zu lassen. Der Notfall der Knalltüte bestand in Ermangelung eines Nasensprays. Das kann natürlich nicht auf einen menschenwürdigen Zeitpunkt warten! Und vorher auch noch anzurufen – da freut sich der Apotheker, dass er gleich zwei Mal geweckt wird. Ist das nun doof oder rücksichtslos? Oder beides? Zu dieser Ansicht neige ich persönlich….